Pa-Kully hat breite Schultern und Hummeln im Hintern. „Let"s play Fußball", ruft er. Oder: „He, rennt doch mal!" Und, zum Kleinsten in der Gruppe: „Chill doch mal mit dem Ball, chill doch."...
...Ein paar Tage später und ein paar hundert Meter weiter sieht die Welt ganz anders aus. Sonntags, auf dem Fußballplatz des FC Stuttgart ist Pa-Kully kein schüchterner Bursche. Er sitzt mit Wael aus dem Libanon und Sinan aus der Türkei in der Herbstsonne auf einer Bank am Rande des Spielfeldes. Die Jugendlichen warten auf den Rest der Mannschaft. Jedem Ankömmling geben sie die Hand. Die 13-Jährigen der C2-Jugend sind aufgeregt. Noch zwei Stunden bis zum Anpfiff des Leistungsstaffelspiels gegen Calcio Leinfelden-Echterdingen. „Wir müssen gewinnen, um aufzusteigen", sagt Pa-Kully. Trainer Emin Birinci nimmt ihn in den Arm: „Wir schaffen das schon." Birinci könnte Pa-Kullys großer Bruder sein, hätte er nicht eine andere Hautfarbe. Eine multikulturelle Fußballfamilie.
Bis vor vier Jahren gab es solche Szenen auf dem Fußballplatz am Hallschlag nicht. Der FC Stuttgart hieß damals noch Hilalspor und hatte ausschließlich türkische Spieler. Für die älteren Gründungsmitglieder war er zu einer Art Heimat im fremden Deutschland geworden. Doch mit dieser Philosophie war keine erfolgreiche Jugendarbeit zu machen. Es gab kaum aktive Mannschaften, Spiele mussten ausfallen, der Verein stand vor dem Bankrott.
Der türkische Geschäftsmann Ömer Cinar beschloss schließlich, in den maroden Verein zu investieren. Unter einer Bedingung: die Öffnung für andere Kulturen als Grundlage für den künftigen sportlichen Erfolg. „Wir gehen mit den Deutschen arbeiten, haben soziale Kontakte, aber gemeinsam Fußball gespielt haben wir noch nicht", sagte er damals, „das ist doch schade."
Nicht alle sahen das so. Es gab Streit, viele ältere Mitglieder verließen den Verein. Aber Cinar setzte sich durch. Zwölf Teams mit Spielern aus 13 Nationen von den Bambini bis zu den Aktiven in der Kreisliga trainieren mittlerweile beim FC Stuttgart. Es ist der Migrantenverein mit den meisten Jugendmannschaften in der Stadt, und einer der erfolgreichsten: seit der Neugründung steigen regelmäßig Teams auf.
Auch die C2-Jugend gewinnt viele Spiele. Das ist nicht nur für die Jungs jedes Mal ein kleines Fest. Bei schönem Wetter ist die Bank am Spielfeldrand dicht besetzt mit Müttern. Die meisten der Frauen tragen Kopftuch, sie unterhalten sich auf Türkisch. Kaffeeklatschatmosphäre. Immer wenn ein Tor fällt, schauen sie auf und applaudieren. Mittendrin sitzt Sinans Mutter. Sie kommt regelmäßig zu den Spielen. Das, findet sie, sei sie ihrem Sohn schuldig. „Hauptsache, es macht ihm Spaß. Er muss kein großer Fußballer sein."...
...Emin Birinci redet nicht von Integration, das Wort ist für den Trainer der C2-Jugend nur eine Hülse. Er schafft lieber Tatsachen. Vor drei Jahren hat der Deutschtürke Plakate an Straßenlaternen gehängt und für die neue Jugendabteilung des FC Stuttgart geworben. Wenige Tage später war er von 45 Kids umringt, die alle in der neuen C-Jugend spielen wollten. „Ich war überwältigt", erinnert er sich.
Birinci war Verantwortung zugewachsen. Ihm, dem Zwanzigjährigen, der aus ähnlichen Verhältnissen wie viele seiner Schützlinge stammt. Und der heute Sport studiert und ein Trainerpraktikum beim VfB macht. „Ich war wie ihr und schaut, wo ich jetzt bin", sagt er manchmal zu seinen Jungs.
(Der Trainer Emin Birinci achtet darauf, dass die Regeln eingehalten werden.)